Heuschrecken und Chili
Es sieht aus wie im Schwarzwald. Fichten, soweit das Auge reicht. Dazwischen atemberaubende Aussichten in schmale Täler. In wenigen Wochen wird die Luft vom Schwirren der Monarchfalter erfüllt sein, die hier überwintern. Es knackt im Unterholz, in der Ferne das Dröhnen eines überzüchteten Motors. Flüche schallen sachte durch den Wald, nicht zitierfähig. Zudem auf schwedisch. Peter Aman und Hans Lindbohm krabbeln an zerborstenen Baumstämmchen vorbei aufwärts die zehn Meter Richtung Strasse. Hinter ihnen lagert sicher an einen Baum geschmiegt der PV444. Nicht mehr ganz im Ursprungszustand und ziemlich traurig aussehend. Ein Opfer mehr bei der Carrera Panamericana 2010.
Die ‘Mil Cumbres’ – ’1 000 Gipfel’, wie sich der Streckenabschnitt nennt, sind tückisch. Nadelbaumwälder. Und Kurven. 330 sollen es sein bis Morelia, der Zielankunft des heutigen Tages. Eine Kombination aus Nadeln und Schotter in einer der Kurven ist dem Team mit der Nummer 135 zum Verhängnis geworden, gerade eben. Hans Lindbohm schildert kurz, was geschehen ist: “Wir kamen auf diese Kurve zu und haben sie recht eng angefahren. Dort muss Schotter gewesen sein oder diese verflixten Tannennadeln. Das Heck kam herum. Und dann ging es auch schon abwärts.” Ausser einem kleinen Schrecken haben die beiden nichts abbekommen. Im Gegensatz zum völlig zerfalteten Volvo. Die Rallye ist gelaufen. Peter, Miteigentümer des Autos, sieht es gelassen. “Mats [Hammarlund] wird das schon wieder richten; das Blech ist sicherlich noch einmal hinzubiegen. Der Rahmen scheint nichts ernstes abbekommmen zu haben. Kommendes Jahr sind wir wieder dabei.” Sprachs, und öffnet lachend eine ihm gereichte Flasche Bier.
Eine gute Woche vorher. In der Luft hängt dieser unvergleichliche Duftmix aus heissem Öl und unverbranntem Sprit. Motoren heulen auf. Teils tatsächlich zu Testzwecken, teils, um den knapp beschürzten Mädchen zu imponieren. Volksfeststimmung in diesem Teil der Stadt. Es hat sich herumgesprochen, dass an diesem Ort die verrückten Gringos mit ihren Spielzeugen am Werke sind. Wir sind im parc fermé in Tuxtla Gutiérrez. Hier im tiefen Südosten des Landes ist es heiss und feucht zu dieser Jahreszeit. Man spürt die Nähe des Dschungels.
Vielerorts zuckt das blaue Licht der Schweissbrenner auf. “Beim Chihuahua-Express dieses Jahr hat es zwei böse Unfälle gegeben, bei denen die Überrollkäfige versagt haben. Das hat zu einer Änderung des Reglements geführt. Zur Sicherheit der Teams müssen die rollcages ein klein wenig modifiziert, will heissen: stabilisiert werden“, so die Aussage eines der Offiziellen.
So manches Team erwischt zudem der Zeitdruck. Vor allem die, die ihre Boliden von Europa aus ‘auf den letzten Drücker’ Richtung Veracruz verschifft haben. Dort liegen nämlich die Frachter noch auf Reede wegen der Wirbelstürme der letzten Wochen. Zittern, ob alles rechtzeitig erledigt werden kann. Notfalls auf die Qualifikationsrunden im örtlichen Autodrom verzichten und zusehen, dass zumindest die allernotwendigsten Dinge für die technische Abnahme noch erledigt werden können. Man erkennt auch, wer vorbereitet ist und wer nicht. Das sind die, die aufgrund technischer Probleme erst Tage später ins Geschehen eingreifen. Für andere ist da schon der Heimflug angesagt. Und für einige kampferprobte Boliden wird es das letzte Rennen werden. Tatsächlich nehmen in der glühenden Hitze des Donnerstagnachmittages nicht alle an der Qualifikation teil. Es geht auch ‘lediglich’ um die Startaufstellung am Freitag; entschieden wird hier bei weitem noch nichts. Im Autodrom zeigen sich bereits erste Schwächen am Material. Beim schnuckeligen MG mit der Startnummer 52 von Vater und Sohn Robles (MEX), bricht eine Felge. Es wird mit einem anderen Rad weitergehen müssen. Allerdings bleibt diese schwarze Wolke auch in den kommenden Tagen über dem Auto hängen. Immer wieder treten Pannen auf, bis das Leiden letzten Endes kurz vor Schluss durch eine finale Kaltverformung beendet wird.
Es ist noch dunkel, als der Start zur ersten Etappe in Richtung Oaxaca erfolgt. Wir Pressemenschen sind da schon seit mindestens mitten in der Nacht on the road; das Reglement ist irrsinnig. So müssen wir bereits eine Stunde vor deren Beginn in einer Wertungsprüfung sein und unsere Positionen werden den Offiziellen durchgegeben, damit das nicht durch dumme Umstände zu Zwischenfällen kommt. Begründet ist das mit der Teilnahme nicht nur des Bruders des Staatspräsidenten, sondern auch des Chefs des mexikanischen Fernsehens und anderer grosser Tiere des Lande. Nun denn, irgendwie wird das auch dieses Jahr alles funktionieren. Wir sind in Mexiko.

Die erste Wertungsprüfung. Noch sind tatsächlich alle Wagen auf der Strecke. das wird sich ändern...
Unsere Entscheidung wird sich als die richtige herausstellen. Denn schon am ersten Tag versuchen sich 18 Teams mehr oder weniger erfolglos an der Börse des zerberstenden Blechs. Es ist wie jedes Jahr: Am ersten Tag passieren die meisten Unfälle. Warum das so ist, darüber können nur Mutmaßungen angestellt werden. Mag es daran liegen, dass trotz allen Trainings die Strassenverhältnisse doch andere sind, als zu Hause auf dem heimischen Rundkurs ? Vielleicht wird man es nie erfahren. Jedenfalls hat der eine üble Crash den Fahrer unseres Nissan Serena Busses nicht davon abgehalten, seine ganz persönliche Panamericana zu fahren, an diesem Tag. Eingebracht hat es uns lustige Geräusche von den gequälten Pneus und ein paar Adrenalinschübe, ihm den Beinamen Fangio. Da ich aber diese Zeilen hier noch verfassen kann, ist offenbar alles gut verlaufen. Angesichts des irrsinnigen Zeitdrucks (wir erinnern uns: Eine Stunde vor der Klappe in einer Wertungsprüfung sein. Dann das gesamte Feld abwarten, dann hinterherhecheln und gucken, dass man am Tag eine zweite Wertung erwischt und möglichst auch den Zieleinlauf. Dummerweise waren die Strecken so geplant, dass für Abkürzungen definitv keine Zeit geblieben ist) hat er aber einen verflixt guten Job hingelegt, der rennfahrende Anwalt aus San Luis Potosí. Von der für uns vorbereiteten Landschaft rechts und links ist jedenfalls nicht das meiste zu bemerken. Und noch einen gravierenden Nachteil hatte das Organisatorische in diesem Jahr: Es war kaum machbar, einen Servicepoint mitzunehmen und danach wieder eine Wertungsprüfung.
Das Leben am Strassenrand musste leider draussen bleiben. Viel Zeit, über den Sinn und Unsinn der Vorschriften zu philosophieren bleibt nicht. “They’re coming. Let’s go…” Henri schultert seine Videokamera und bringt sich in Position. Er arbeitet für den holländischen Producer TopSpeed und die Pana ist seine 16te Veranstaltung dieser Art. In 2010, nicht insgesamt. Das Röhren von irgendwo da hinten kommt schnell näher. Schwarz, orangener Streifen, im Vorbeiflug die finnische Axt … klick klick und das wars. Studebaker Startnummer 140 mit Harri Rovanpära am Steuer verschwindet hinter der Kurve. 15 Sekunden Ruhe, dann das gleiche Schauspiel, dieses Mal in weiss. Mit rotem Strich. Die beiden die Wertung anführenden Wagen aus dem Rennstall von Mats Hammarlund Racing sind vorbei. Nun heisst es schnell sein und Stellungswechsel. Aus der Deckung über die Strasse geflitzt und zusehen, dass man an der nächsten Kurve eine ungefährdete Position erwischt. Die Bilder sollen ja nicht alle gleich aussehen. Das hatten wir schon, am ersten Tag. Da kommt auch schon der nächste Wagen. klick klick und weiter. Dabei aufpassen, dass wir uns nicht gegenseitig in die Bilder rennen. Es geht glücklicherweise den Hügel abwärts; mit dem ganzen Gerödel würde das sonst noch in Arbeit ausarten. Wieder ein Röhren, dieses Mal kommen zwei.

Robert Curry und Ricky Shay in ihrem Porsche 356 rücken auf die Corvette von Bill Peter und John Schatz auf
“Lass uns irgendwo einheimische Küche geniessen, wir haben noch drei Stunden Zeit !“, sage ich zu Miguel. Miguel knipst für die abendlichen Drivers Meetings. Mein Magen knurrt und Essen hält Leib und Seele zusammen, wie man so schön sagt. Ausserdem brauche ich eine Genugtuung für den vermasselten Tag bisher. Nicht direkt vermasselt, aber der Verlauf der Rennstrecke ist so gelegt, dass ausser einer einzigen Wertungsprüfung heute nicht viel zu holen ist. So wurde kurzerhand an Bord des Busses mit dem peinlichen Namen entschieden, direkt zum Tagesziel zu fahren und das Rennfeld Rennfeld sein zu lassen. Stattdessen wollen wir die Gelegenheit wahrnehmen, einen vollständigen Zieleinlauf einzufangen. aber bis dahin ist ja noch Zeit. Postkarten und Augenschmeichler werden nachher ohnehin abfallen, also besteht auch kein Grund zur Eile.
Die netten Garküchen findet man nicht an den Flaniermeilen der Städte. Sie verstecken sich in den Nebengassen. Wenn Miguel auch nur ein halber Mexikaner ist, dann wird er sie mit einem Gespür auffinden, dass einem schwindelig wird. Jedenfalls war das im letzten Jahr so, mit meinem ‘Sondertrupp’. Es dauert in der Tat keine zehn Minuten und unsere Busladung nimmt an einer langen Tafel Platz. Sogar eine Tischdecke gibt es. Aus Leinen, nicht aus Wachstuch. Mit den Inhabern ist man schnell im Gespräch. Das Anliegen wird vorgetragen. “Ach… ganz aus Europa, Alemania, ja ja, der Bruder, der einen kennt, den mit der Schwester von … und deren … Frankfurt, Heidelberg… schönes Land… Oktoberfest… und nun hier traditionelle Küche ? Das ist toll, das kommt nicht oft vor.” Jeder Mexikaner kennt offenbar mindestens einen anderen Mexikaner, der einen kennt, der schon einmal in Deutschland gewesen ist.
Was dann aber kommt, das ist filmreif. Der Tisch wird sich biegen, die Küche zaubert. Zaubert richtig. Uns werden die Zutaten der einzelnen Gerichte erläutert und dann soll probiert werden. Dieses und jenes und das noch und bitte, bitte, bitte, das hier müsst ihr unbedingt…. Wir sind begeistert. “Eat when you can and as much as you can get. Or do you know when you’ll get yor next meal ?” Henri trifft es auf den Punkt.
Zwei Stunden später. Auf der Plaza ist der Teufel los. Ich komme mir vor, wie mitten in einem Ameisenhaufen. Drinnen in der Kabine riecht es leicht nach Hochoktanigem, es ist laut und die Schulter drückt gegen die Flügeltür. Im Stand wird die Hitze schnell unerträglich: Eine Klimaanlage gibt es schon aus Gewichtsgründen nicht. Seitenscheiben lassen sich wegen des Gitterrohrverhaus nicht herunterkurbeln. Nur kleine Plexiglas-Ausstellfenster sorgen für ein wenig frische Luft.
Überall Musik, mitten auf dem Platz eine grosse Bühne, auf der die Helden dem Publikum vorgestellt werden. Kamerateams wuseln zwischen den Rennautos umher auf der Suche nach Interviewpartnern. Unwiderstehliche Gerüche aus den Imbissbuden ziehen in Schwaden über den Platz. Kleine Leckereien garen über glühenden Kohlen. Der Umsatz mit kühlen Getränken erreicht sein Ganzjahreshoch. Allerorten fröhliche Gesichter. Ich weiss nicht mehr, wie viele Daumen sich mir und meiner Kamera entgegengereckt haben. La Carrera, das ist Ausnahmezustand. La Carrera, das ist wie eine Welle. Eine Welle der Freude, die mit dem Rallyetross die Strecke entlangbrandet.
Ach ja, die Heuschrecken. Frittierte Variante. Die gab das in Oaxaca. Leicht salzig im Abgang. Zu empfehlen.






















Ich schaff das noch…. einmal Jahresurlaub und mit oder so… ich trag den Rucksack mit den Objektiven… oder so… BÜDDDDEEEEE
….Dich will ich nich nomma jammern hören…
Sowas will wohl jeder große Junge mal erleben.
Hallo Hauke
Was für ein toller Bericht und schönste Bilder- FREU !
Wir sind schon ganz heiß auf die Panamercana 2011 – noch 10 Tage bis zum Start !
Alle 5 unserer Autos laufen, und wir drehen schon im Schla das Lenrad vor lauter Vorfreude !!!
See You ??????????????????????????????????
Matthias Heyer, Euro-Latino Racing-Services